
Vorträge, Podiumsdiskussionen sowie eine Ausstellung untersuchen ausgehend von den Gezi-Park-Protesten in Istanbul das Projekt Neue Praktiken sozialer Bewegungen und sein transformatives Potenzial auf der Suche nach alternativen Gesellschaftsformen.
Veranstalter: Fachbereich Konzeptionelle Kunst am Institut für bildende Kunst
Mit Beiträgen von: Foti Benlısoy, Çetin Gürer, Hakan Gürses, Zeynep Tül Akbal Süalp, Göksun Yazıcı
Konzeption: Marina Gržinić mit Betül Küpeli, Cansu Berksan, Esra Özmen, Songül Sönmez, Reha Refik Tasçıund Onur Serdar.
Die Gezi-Park-Proteste in Istanbul begannen im Mai 2013 mit der Besetzung des städtischen Parks in Beyoğlu/Taksim durch kritische Aktivist*innen. Anfänglich stellten sich die Besetzer*innen gegen die Pläne zur Bebauung des Parks, weil sie darin eine Umweltzerstörung zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung sahen. Doch kurze Zeit später wurde der Park und der Taksim Platz von hunderttausenden Bürger*innen besetzt und es kam zu einer landesweiten Protestbewegung, die sich von Hausbesetzungen bis zu einer Neudefinition des öffentlichen Raums fortsetzte.
Bei dieser Protestwelle handelte es sich jedoch nicht nur um den Gezi-Park, sondern um ein schon länger herrschendes Unbehagen in der Gesellschaft über das problematische Regierungsmodel der AKP, den Status der Kurd*innen, die Verhaftung von Journalist*innen, die Leugnung des Völkermords an den Armenier*innen, u.v.m. Viele verschiedene Bürgerinitiativen und Gruppen vereinigten sich mit dem gemeinsamen Ziel ihre Unzufriedenheit mit der türkischen Regierung auszudrückten.
LGBTIQs, Feminist*innen, Kurd*innen, die sogenannten anti-kapitalistischen Moslems, die Architektenkammer, türkische Nationalisten … Mit der Besetzung des Gezi-Parks kam es vor allem in einer Generation zu einer Politisierung, die solch eine Aneignung und Inbesitznahme öffentlichen Raumes bisher nicht erfahren hatte. Mit Tränengas, Panzerwagen, Wasserwerfern und Verhaftungen wurde mit Polizeigewalt gegen die Protestierenden vorgegangen.
Der Gezi-Protest ist vor allem ein Aufschrei gegen das herrschende neoliberale System und die politische Organisation der regierenden Mächte. Auf der Suche nach alternativen Gesellschaftsformen liefern uns diese sozialen Bewegungen neue Praktiken und ein transformatives Potenzial.
Folgende Themen könnten in Bezug auf Gezi aufgegriffen werden:
- Wie kam es zu Gezi und welche nationalen und internationalen Dynamiken waren ausschlaggebend dafür?
- die Organisation und die Form der Gezi-Bewegung, ihre ästhetische Sprache, ihre Medien und Kommunikationsformen
- die Wechselbeziehung zwischen Politik und Kunst
- Restriktionen nach solchen Bewegungen, wie zum Beispiel: Überwachung als Sicherheitsmaßnahme, übertriebene Präsenz der Polizei und mehr Macht für
Sicherheitskräfte, räumliche Gestaltung des Taksim-Platzes (Betonwüste), usw. - Neuorganisation aufgrund solcher Maßnahmen
- Ästhetisierung des Protests und die Wiederverwertung als kapitalistisches Mittel (Protest als Werbematerial)
- subtile Eingriffe in den öffentlichen Raum
- die physisch räumliche Veränderung des Raums und ihr symbolischer Wert
- die (Nicht-)Verbindung zwischen der Gezi Bewegung und der kurdisch politischen Bewegung im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen in der Türkei
- Welche alternativen Strukturen und Visionen haben sich auf der Suche nach kollektiven Formen während und nach Gezi gebildet?
Für die Entwicklung einer revolutionären Theorie ist ein tiefes Verständnis für Bewegungen von unten nötig.
Teilnehmer*innen:
Foti Benlisoy absolvierte sein Jus Studium an der Universität Istanbul. Seine Master- und Doktorarbeit beziehen sich auf den Bereich der Geschichtswissenschaften. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten als Publizist und Anwalt setzt er sich unter anderem mit den gesellschaftlichen Bewegungen in der Türkei auseinander, nicht nur theoretisch, sondern auch als Aktivist.
Çetin Gürer, Dr., studierte an der Universität Hamburg Soziologie und Politikwissenschaft. Er promovierte 2015 an der Universität Ankara im Fach Politikwissenschaft. Sein Buch Demokratische Autonomie als Bürgerschafts-Heterotopie wurde 2015 veröffentlicht. Seine Forschungsthemen sind u.a. kurdische Fragen und demokratische Autonomie, moderne Modelle der regionalen Autonomie, Staatsbürgerschaftsstudien und soziale Bewegungen. Bis vor kurzem arbeitete er als Assistenz-Professor an der Universität Nişantaşı im Fachbereich Soziologie. Er wurde wegen seiner Teilnahme an der Petitionskampagne Ich werde nicht ein Teil dieses Verbrechens sein, die von den Akademiker*innen für Frieden ausgerufen wurde, entlassen.
Hakan Gürses ist Doktor der Philosophie und lebt seit 1981 in Wien. Er ist wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB). Hakan Gürses war in verschiedenen Bereichen tätig. Lehrtätigkeiten, verschiedene Forschungsprojekte und Mitgliedschaften zählen zu seinen Arbeitsbereichen; 1997–2011 Lektor und Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien.
Zeynep Tül Akbal Süalp, Prof. Dr., studierte nach ihrem Bakkalaureat in Psychologie an der City University of New York und an der New York University Kinematographie und Cultural Studies. Ihr Master- und Diplomstudium absolvierte sie an der Mimar Sinan Universität in Istanbul in Soziologie und an der Marmara Universität in Kinematographie. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Film, Medien, Cultural Studies, Raum und Darstellungsformen des Raums. Unter anderem veröffentlichte sie folgende Sammelbände: Taşrada Var bir Zaman (Eine Zeit in der Provinz, 2010), Sınıf İlişkileri Sureti Soldurulmuş bir Resim mi? (Klassenverhältnisse: Eine verblassende Szenerie, 2011), Külkedisi Manifestoları (Manifeste der Aschenputtel, 2015).
Göksun Yazici ist Schriftstellerin und Herausgeberin. Sie arbeitet in diversen Asylwerber*innen- und Kinderschutzprogrammen mit Asylwerber*innen aus Syrien in Urfa, Hatay und Istanbul. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Themen wie Wirtschaftspolitik, Gender Studies und Migration. Sie schreibt in der Zeitschrift Express und ist Aktivistin.
PROGRAMM
öffentliche Veranstaltungen, Eintritt frei
Di, 10.05.2016
Akademie der bildenden Künste Wien, Hauptgebäude, Schillerplatz 3, 1010 Wien, Aula
16:00 h Vernissage und Ausstellung